1 Gedanke zu „Premiere in Kassel am 10.12.2017

  1. Unsere Ausgangsfrage war: Wie klingt Offenbach, die Stadt in der wir zur Schule gehen, in der wir leben? Eine Stadt mit 120 000 Einwohnern, davon mehr als die Hälfte mit Migrationshintergrund. Wir wollten einen Soundscape der Stadt erstellen und sie mit performativen, filmischen und musikalischen Mitteln ergründen.
    Eine Gruppe z.T. unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter aus Afghanistan, Pakistan und Eritrea, alle Schüler der August-Bebel-Schule, machten sich auf die Suche nach den Klängen und Rhythmen, dem Fremden und dem Vertrauten ihrer „neue Heimat“. Und was ist das überhaupt: Heimat? Vielleicht Schokolade?
    In einer ersten Aktion haben wir die Sprachen gesucht, die in Offenbach gesprochen werden. Den Satz „Guten Tag, ich lebe in Offenbach“ haben wir zuerst von Mitschülern auf dem Schulhof in den verschiedenen Muttersprachen sprechen lassen, dann in der Stadt, wo es zu lustigen Begegnungen kam, wenn wir in verschiedenen Läden marschiert sind und die verdutzten Verkäufer darum baten. Da die Anzahl der Schüler, deren Asylantrag abgelehnt wurde, in Offenbach sprunghaft anstieg, nahm unsere Arbeit eine andere Richtung, Gemeinsam gingen wir zur Demo gegen die Abschiebung Offenbacher SchülerInnen. Mit geschminkten Totenkopfgesichtern, schwarzen Umhängen, Trommeln und Schildern mit der Aufschrift „Welcome to Afghanistan“ rufen wir „Nein zur Abschiebung“ und „Um Europa keine Mauer, Bleiberecht für Alle und auf Dauer“.
    Wir integrierten die Sounds und Filme der Demonstration in die Performance,
    Was ist „Heimat“? Diese Frage stellten wir uns und den Mitschülern mit und ohne Migrationshintergrund. Wir schrieben Briefe in denen wir Freunden und Familie in Afghanistan von ihrem Alltag in Deutschland erzählten. Anhand von Fotos, kleinen Animationen sowie Filmsequenzen wurde ein Brief visualisiert.
    Ein Highlight war das gemeinsame Musikmachen. Verschiedene Lieder und eigen geschriebene Gedichte wurden während der Probezeit erstellt, nachgesungen und sogar im Tonstudio aufgenommen. Bei der Aufführung sang ein Darsteller den Song „Ay Khuda“ von Khalil Yousofi. Ein Lied gegen Zerstörung und Krieg.
    Leider erhielten im Laufe des Projekts immer mehr Teilnehmer einen Abschiebungsbescheid. Fast alle müssen nun mit der, lähmenden Ungewissheit einer drohenden Abschiebung leben.
    Dies ist umso drastischer und perfider, da sie sich als Teilnehmer in einem so wunderbaren, vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst geförderten Perfomanceprojekt befinden, gleichzeitig aber von einer anderen Behörde, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, mit dem Abschiebungsbescheid existenziell bedroht werden.
    Die Zeit war intensiv, spannend, ernst, sowie humorvoll. Wir haben Klänge entdeckt, Songs entwickelt, Filmaufnahmen gemacht, diskutiert, Briefe geschrieben und viel gelacht. Wir waren, gemeinsam im Theater und in der Oper.
    Am Ende des Projektes waren alle froh die zusammen entwickelten Szenen in Kassel vor Publikum zu präsentieren. Die positiven Zuschauerreaktionen haben das Ensemble dazu ermutigt über das Projekt hinaus aktiv zu bleiben und weitere Aufführungen zu planen.

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